Die Kraft der Poesie

Ein Gespräch mit Gunnar Kunz


 

Abstraktes Bild (Acryl)Sie haben vor Ihrer Tätigkeit als Autor alle möglichen Theaterberufe ausgeübt. Was gab Ihnen die Inspiration, für das Theater zu schreiben?

Das Schreiben war schon immer mein eigentliches Metier, lange bevor ich am Theater anfing. Mit der Faszination fürs Theater und der entsprechenden Praxiserfahrung im Rücken, war es dann naheliegend, Theaterstücke zu schreiben.

 

Trotzdem mag die Entscheidung, sich als Theaterautor auf Märchen zu spezialisieren, außergewöhnlich sein. Wie kam es dazu?

Ich schreibe gern für Kinder, und ich liebe Märchen, das ist das eine. Das andere ist, dass ich mich als Regieassistent immer über Märchenfassungen geärgert habe, die ihren Stoff mit Herablassung behandeln und bis zur Unkenntlichkeit verfälschen. Zu zeigen, dass man sehr wohl die alten Mythen intakt lassen und trotzdem ein modernes Stück daraus entwickeln kann, ist eine Herausforderung, der ich mich immer wieder gern stelle.

 

Ihre Fassungen zeichnen sich durch eine geradlinige, stark am Original orientierte Erzählweise aus. Weshalb haben Sie sich seit jeher für diese klassische und nicht für eine stärker verfremdete Erzählweise entschieden?

Zum einen wollen Kinder das ihnen in der Regel bekannte Märchen wiedererkennen, und das ist legitim. Zum anderen kommt es ja nicht von ungefähr, dass sich Märchen seit Jahrhunderten ununterbrochener Beliebtheit erfreuen. Sie beschreiben Reifungsprozesse und erzählen von elementaren Erfahrungen, die einem Menschen im Laufe seines Lebens auf den verschiedenen Entwicklungsstufen begegnen. Wenn ich ein Märchen bearbeite, vertraue ich daher der Kraft, Poesie und Fantasie der archetypischen Bilder, die darin angelegt sind. Ich brauche nichts umzuschreiben, es ist alles bereits vorhanden. Natürlich muss jeder Märchenbearbeiter ohnehin achtzig Prozent Text dazuerfinden, um aus drei Seiten Märchen neunzig Minuten Theater zu machen. Aber ich bemühe mich dann, so viel wie möglich aus der Quelle selbst zu erschließen. Zum Beispiel wird im „tapferen Schneiderlein“ der Waffenträger nur ein einziges Mal erwähnt, als er nämlich dem Schneiderlein den schändlichen Plan des Königs verrät. Ich habe aus den spärlichen Informationen eine durchgehende Figur erschaffen, die aber eben nicht ein erfundener Fremdkörper ist, sondern mit dem Stoff verschmilzt, als gehörte sie schon immer dazu.

 

Seit einigen Jahren befassen Sie sich mit den Märchen aus aller Welt. Gingen Ihnen die Märchen hierzulande aus?

Ganz und gar nicht. Es gibt noch jede Menge wundervoller Grimms, Hauffs, Andersens, die ich bearbeiten möchte. Aber daneben existieren eben auch wahre Schätze an ausländischen Märchen, die hierzulande kaum oder gar nicht bekannt sind. Natürlich weiß ich, dass Theater bei der Wahl des „Weihnachtsmärchens“ auf zugkräftige Titel angewiesen sind. Aber ich habe meine Fassungen der „Volksmärchen der Welt“ so gestaltet, dass sie zumeist mit wenigen Darstellern spielbar sind, in der Hoffnung, dass das eine oder andere Theater das Wagnis eingeht, parallel zum großen klassischen Märchen ein „Volksmärchen der Welt“ anzubieten. Es lohnt sich.

 

Wo liegt der Reiz, wo liegen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den europäischen Märchen und den Geschichten aus fernen Ländern?

Das kann man so allgemein nicht sagen. Viele Motive sind über die ganze Welt verbreitet, aber gerade dann treten ihre individuellen Züge umso klarer hervor. Das schottische Märchen „Tam Lin“ beispielsweise ist eigentlich das bekannte Motiv von der vergessenen Braut, aber welch ein Reichtum in der Ausgestaltung durch die keltische Mythologie und die Elfen!

 

Ihre Stücke werden sowohl von professionellen Häusern als auch Amateurtheatern gespielt. Sie haben zahlreiche Inszenierungen besucht. Gibt es da für Sie als Autor einen Unterschied?

Natürlich erfüllt die Inszenierung an einem etablierten Haus mit seinen professionellen Darstellern und technischen Möglichkeiten andere Kriterien als z. B. eine Schulinszenierung. Das sind aber Äußerlichkeiten. Entscheidend ist für mich, mit welcher Kreativität, Spielfreunde und Ernsthaftigkeit das Stück umgesetzt wird.

 Abstraktes Bild (Acryl)

Im März 2011 erschien der mittlerweile dritte Teil einer Krimiserie, die zur Zeit der Weimarer Republik spielt. Der Titel des Buches ist „Inflation“. Verbirgt sich dahinter ein politisches Interesse an historischen Themen und zeitaktuellen Bezügen?

Auf jeden Fall. Die Weimarer Republik durch ihre krassen Gegensätze – hier neue Freiheiten, dort die verkrusteten Strukturen aus der Kaiserzeit – ist eine unglaublich spannende Zeit, darüber hinaus die Wurzel unserer Demokratie. Es gäbe vieles aus jener Epoche zu lernen, das wird mir bei meinen Recherchen immer wieder bewusst.

 

Im letzten Jahr erschien Ihr Nibelungenroman „Der Ruf der Walküren“ – ein mythischer und symbolhaltiger Stoff. Wie verhält sich Ihr Schreiben im Spannungsfeld zwischen Zeitbezug und Zeitlosigkeit?

Dieser Roman liegt mir ganz besonders am Herzen. Der Stoff hat es ja durch die unselige Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten nicht leicht. Dabei ist die Nibelungensage die Tragödie par excellence, von einer Tiefe und Vielschichtigkeit, wie sie auf der Welt nur noch von den antiken griechischen Tragödien erreicht wird. Es geht um Loyalitätskonflikte, um Leidenschaft, um Liebe und Verrat. Das ist ein ganz und gar zeitloser Stoff, aber um einen solchen Stoff auszuloten, muss er konkret sein. Ich habe ihn deshalb in eine gründlich recherchierte und genau beschriebene Zeit gestellt, nämlich das Ende der Völkerwanderung.

 

Im Juni 2011 wird Ihr Schottlandbuch „Land aus Nebel und Licht“ erscheinen. Ist das für Sie neue Genre eine willkommene Abwechslung zu Märchen und Krimi?

Ich freue mich sehr auf das Buch, das in der Tat mal etwas völlig anderes ist, als ich sonst mache. Eine persönliche Begegnung mit Land und Leuten, ergänzt durch viele schwarz-weiße Landschaftsfotografien von mir. Ich habe ja zwei Jahre dort gelebt und das Land zahllose Male bereist; es ist gewissermaßen meine zweite Heimat.

 

Die Fragen stellte Whale Songs Communications Anfang 2011.

 

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