Making of "Organisation C."


Abstraktes Bild (Öl)

Die Recherche für einen Kriminalroman, zumal einem historischen, ist selbst eine Detektivarbeit. Für „Organisation C.“, ein Buch, das in Berlin zu Beginn der 20er Jahre spielt, trieb mich u. a. die Frage um, inwieweit damals zur Identifizierung verwester Leichen Abgleiche mit zahnärztlichen Befunden gemacht wurden.

Nachdem ich in Büchern und Webseiten zur Geschichte der Medizin nicht fündig wurde, kontaktierte ich die Charité, einen zahnärztlichen Obduktionshelfer und die Kieferorthopädische Sammlung Berlin. Überall bescheinigte man mir: „Gute Frage!“ und erklärte anschließend, dass leider kaum Aufzeichnungen erhalten seien. Auch damals schon legten Zahnärzte Karteien an, aber inwieweit diese zur kriminalpolizeilichen Ermittlung herangezogen wurden ...

Eine Sichtung historischer Ausgaben eines Informationsmagazins vom Zahnärzteverband half leider auch nicht weiter, wenn ich auch so interessante Kleinanzeigen fand wie „Kaufe jeden Posten natürlicher Schneide- und Backenzähne von Menschen“. Also kontaktierte ich die Bundeszahnärztekammer und den „Arbeitskreis für die Geschichte der Zahnheilkunde“. „Gute Frage!“ hieß es da. „Aber leider...“

Mein eigener Zahnarzt machte mir in einem Monolog (der Bohrer in meinem Mund verhinderte jede Zwischenfrage) klar, dass auch heute aus Datenschutzgründen kein systematischer Gebissabgleich erfolgen und daher eine Identifizierung – nicht anders als früher – nur bei bereits bestehendem Verdacht stattfinden kann.

Nebenbei schlug ich mich mit Problemen herum wie: „An welchen Wochentagen wurde 1922 der Winterfeldtmarkt abgehalten?“ (wie heute: mittwochs und samstags) oder: „Gab es damals schon falsche Wimpern?“ (Ja; aus Nerz-Grannenhaaren; eine Antwort, die ich allerdings erst nach zahllosen Anfragen bei Maskenbildnern und Kosmetikschulen, Hygiene- und Friseurmuseen, Kosmetikerverbänden und Kosmetikfirmen erhielt), setzte mich probeweise hinter das Steuer eines alten Stoewer 3T1 Gefangenentransportwagen, informierte mich über den Bremsweg einer U-Bahn und die Anrede eines Kaplans und hörte mir schaurige Details darüber an, was von einer Leiche übrig bleibt, die neun Monate im Waldboden gelegen hat.

Schließlich fand ich unerwartet eine Lösung für mein zahntechnisches Problem. In einer kriminologischen Zeitschrift der Zwanziger Jahre stieß ich auf eine Fallbeschreibung, nach der ein ausgefallenes Gebissmuster im Verbandsblatt der Zahnärzte veröffentlicht wurde, woraufhin sich der behandelnde Zahnarzt bei der Polizei meldete. Das war es! Eine solche Vorgehensweise war plausibel und besaß zugleich einen altmodischen Charme – so würde ich „meine“ Leiche identifizieren lassen!

 Abstraktes Bild (Öl)

Leser, Kollegen, Fachleute fragen mich gelegentlich, weshalb ich mir soviel Arbeit mache. „Warum denken Sie sich nicht einfach etwas aus?“ Die Antwort ist einfach: Weil meine Figuren aus Fleisch und Blut sind. Wirkliche Menschen gehen nicht in imaginäre Tanzlokale oder durch erfundene Straßen. Wirkliche Menschen kleiden sich in Stoffe ihrer Zeit, fahren mit existierenden Buslinien und leben in realen Wohnungen. Nur wenn man lebendige Menschen in der fundiert recherchierten Umwelt des Jahres 1922 beschreibt, können die Leser zwischen den Zeilen die Zwanziger Jahre riechen und schmecken.

 

Wer neugierig geworden ist, findet hier Näheres über Organisation C.

 


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