Vom Geschichtenerzählen

So etwas wie ein Lebenslauf


 

Ich war immer eine Leseratte. Es hat Zeiten gegeben (z.B. während eines langweiligen Zivildienstlehrgangs), da habe ich vier, fünf Taschenbücher am Tag verschlungen. Als in den Siebzigern die Flohmärkte aufkamen, bin ich in der Regel mit zwei Tüten voll Bücher zum Verkaufen hingegangen und mit fünf Tüten voll neu gekaufter Bücher zurückgekehrt.

Eigene Geschichten zu erzählen, hat mich von Anfang an gereizt, und mit zehn beschloss ich, Schriftsteller zu werden. Mochte meine Umwelt auch darüber spotten, an der Ernsthaftigkeit meiner Absicht bestand für mich nie ein Zweifel. Meine ersten Geschichten schrieb ich handschriftlich auf Kellnerblöcke, erfand Figuren, die ich gleich selbst zeichnete – Insekten, sprechende Früchte, ich glaube, in meiner allerersten Geschichte ging es um einen „Blaubären“ – und veranstaltete mit einem Nachbarjungen (der, nebenbei gesagt, heute Journalist ist) eine „Bücherausstellung“ auf unserem Hinterhof.

Natürlich habe ich zunächst imitiert, was in meinem Bücherregal stand, doch im Laufe der Jahre fing ich an, mehr und mehr die Geschichten zu schreiben, die ich gern lesen wollte, aber nirgends finden konnte. Außerdem stellte ich Hörspiele her und führte aus dem Stegreif Theaterstücke auf. Später kam eine Leidenschaft für den Film hinzu. Dank einer aufgeschlossenen Deutschlehrerin konnte ich 1978 mit meiner damaligen Schulklasse einen Super-8-Spielfilm realisieren, der für das „Fest der jungen Filmer“ ausgewählt und dort gezeigt wurde. Mein erster Erfolg!

Nach Abitur und Zivildienst bemühte ich mich um einen Studienplatz an einer der beiden Filmregieschulen – vergeblich. Einer Freundin verdanke ich eine Erweiterung meines Horizontes. „Warum versuchst du es nicht am Theater?“ fragte sie. Ja, warum eigentlich nicht? Also machte ich ein Praktikum am Staatstheater Braunschweig ... und dann noch eins ... und schon hatte ich mir neben dem Schreibvirus einen zweiten eingefangen, der mich seither nicht mehr loslässt: den Theatervirus.

Abstraktes Bild (Acryl)

Wer Erfolg haben will, muss etwas riskieren. Da es mir nicht möglich war, am Staatstheater Braunschweig als Regieassistent zu arbeiten, verließ ich 1983 meine Heimatstadt, um meinen Wunschberuf auf eine professionelle Basis zu stellen, und zog nach Hamburg, ohne eine Anstellung in Aussicht oder auch nur jemanden zu kennen, begleitet von besorgten Ratschlägen und dunklen Andeutungen über die brotlose Kunst. Nach einem Jahr als Gasthörer an der Hochschule für bildende Künste im Fachbereich „Visuelle Kommunikation“, das mich ein für alle Mal vom Wunsch zu studieren kurierte, ergriff ich die Gelegenheit beim Schopf, als am Theater ein Souffleur gesucht wurde. In der Folgezeit arbeitete ich als Regieassistent, Inspizient, Dramaturg, Requisiteur, Tourneebegleiter, Licht- und Tontechniker und Statist, kurz, ich lernte die Theaterarbeit aus jeder möglichen Perspektive kennen, zumal ich dabei auch noch in sämtliche Theaterformen hineinschnupperte, vom Staatstheater über Stadt-, Privat- und Tourneetheater bis hin zur Freien Gruppe.

So sehr ich Hamburg mochte – es zog mich nach Berlin. 1987 packte ich ein zweites Mal die Koffer und wechselte den Wohnsitz, wie zuvor ohne jede Absicherung. Neue Kontakte waren aber schnell geknüpft, und die Theaterarbeit konnte weitergehen, nur unterbrochen durch einen längeren Auslandsaufenthalt in Schottland (der Landschaft und der Liebe wegen).

Ich bin bekannt dafür, gelegentlich verrückte Dinge zu tun. Als ich Ende der Achtziger das Gefühl hatte, in meinem Beruf zu stagnieren, suchte ich nach neuen Herausforderungen und fuhr kurzerhand nach London, in der Hoffnung, dort als Regieassistent arbeiten zu können, wenigstens eine Inszenierung lang. Leider war es damals mit der EU noch nicht weit her; um dort arbeiten zu können, hätte ich eine sogenannte Equity Card gebraucht, und die bekam man nur, wenn man bereits dort gearbeitet hatte ...

Also dachte ich über Alternativen nach. Wo konnte ich neue Erfahrungen sammeln? Ich hatte immer gehört, dass die Theaterausbildung in der DDR sehr gut sei; dort könnte ich doch bestimmt etwas lernen! Also fuhr ich nach Ostberlin, trat gleich beim Ausfüllen des Einreisevisums ins Fettnäpfchen („Sie wollen also die Hauptstadt der DDR besuchen? Warum schreiben Sie dann ‚Ostberlin‘?“) und klapperte die Theater ab. Mit großen Augen wurde ich bestaunt. Man könne mir leider nicht helfen, hieß es, da müsse ich schon beim „Ministerium für Kultur“ anfragen.

Sie können sich sicher denken, was ich als nächstes tat. Richtig, ich suchte noch am selben Tag das „Ministerium für Kultur“ auf. Auch dort wurde ich bestaunt. Was ich denn studiert hätte. Nichts? Nicht mal etwas Artfremdes? Nicht mal „irgendwas“? Tja. Hm. Um es kurz zu machen: Hätte ich noch in Hamburg gelebt, hätte es vielleicht eine Möglichkeit gegeben. Aber als Westberliner, als Bewohner einer Stadt, die in Betonköpfen nicht existiert ...

Nach dem Fall der Mauer habe ich übrigens doch noch an einem Theater im Osten gearbeitet, nämlich in Schwedt an der Oder. Zum Glück haben Betonköpfe eine kurze Halbwertzeit.

Das Theater brachte mir vieles darüber bei, wie eine gute Geschichte erzählt werden muss, aber das Regieführen stand für mich immer an zweiter Stelle, nach meiner schriftstellerischen Tätigkeit. Also wagte ich 1997 erneut den Sprung ins kalte Wasser. Da ich während meiner Theaterzeit nie aufgehört hatte zu schreiben und eines meiner Stücke mit großem Erfolg (14.000 Zuschauer) uraufgeführt worden war, machte ich mich als freiberuflicher Autor selbstständig. Nach einer Durststrecke kamen dann auch weitere Theaterstücke von mir zur Aufführung, erste Bücher wurden veröffentlicht, Lesungen mit mir gebucht, und so bin ich mittlerweile in der glücklichen Lage, von meiner Arbeit als Autor leben zu können.

Gunnar Kunz, Dezember 2011

 

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