Roter Granit

Shetland


Von den Shetlandinseln wusste ich bisher nur, dass sie windig, flach und baumlos sind, was sich nicht sonderlich spannend anhört. Dass dort neben interessanten archäologischen Stätten zugleich Schottlands dramatischste Klippen zu finden sind, habe ich erst jetzt herausgefunden.

 

Die Hauptstadt Lerwick dient mir als Basis, von wo aus ich Shetland Mainland entdecken will. Bei Einheimischen erkundige ich mich, wie man den Namen der Hauptstadt ausspricht, und erfahre, dass dies selbst von Shetländern je nach Herkunft unterschiedlich gehandhabt wird: Lerrick, Lerwick oder, wenn man die nordische Aussprache vorzieht, Laruuk.

Der Clickimin Broch befindet sich in Lerwick praktisch vor der Haustür, deshalb ist er die erste Station meiner Reise. Ein Besuch der Turmruine lohnt sich, zumal man, wie so häufig in Schottland, alles betreten und anfassen darf.

Besonders gespannt bin ich allerdings auf Jarlshof, eine ausgegrabene Siedlung, die sowohl in der Bronzezeit bewohnt wurde als auch später von Pikten und Wikingern. Und der Ort enttäuscht mich nicht. Zwar nervt der Lärm vom nahegelegenen Flugplatz, auf dem ununterbrochen Hubschrauber starten und landen, dafür ist Jarlshof noch beeindruckender als Skara Brae auf Orkney, was nicht nur daran liegt, dass die Anlage größer und besser erhalten ist, sondern vor allem daran, dass man überall hineinkriechen kann. Am Faszinierendsten finde ich das wheelhouse, einen Haustypus, den man so nur auf Shetland und den Western Isles findet: ringförmig angeordnete Räume, die jedem Bewohner ein gewisses Maß an Privatsphäre ließen, zugleich aber auf das gesellige Zentrum hin ausgerichtet waren.

Was sich ebenfalls lohnt, ist der an Jarlshof angrenzende Küstenpfad, der zum Leuchtturm führt, mit etlichen cairns und abwechslungsreichen Klippen als Dreingabe. Und wenn man im Mai oder Juni kommt, findet man oben nistende puffins vor, Papageientaucher, die sich von den vielen Zuschauern nicht im Geringsten stören lassen.

 Jarlshof, Shetland    Jarlshof, Shetland

Die Busverbindungen auf Shetland sind leider nur mittelmäßig. Um zu den Hams of Muckle Roe zu gelangen, einer ungewöhnlichen Klippenlandschaft, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich an der entsprechenden Abzweigung bei Brae absetzen zu lassen und zu Fuß bzw. per Daumen weiterzureisen.

Beim Trampen lerne ich immer die interessantesten Leute kennen, häufig Einheimische, die mir faszinierende Einblicke in ihren Alltag geben. So erfahre ich beispielsweise, dass das Benzin auf Shetland zehn Pence teurer ist als anderswo, obwohl ja praktisch vor der Haustür Öl gefördert wird. Aber zu sehr auf die Ölgesellschaften schimpfen mögen die Menschen hier auch nicht, immerhin sorgt der mit dem Öl einhergehende Wohlstand dafür, dass die Straßen gut in Schuss gehalten werden und überall Freizeitzentren entstehen. Und letzten Endes ist die Preispolitik der Ölgesellschaften auch nicht absurder als die der Fischindustrie, die für den in Spuckweite gefangenen Fisch dasselbe Geld verlangt wie in Orten, in die er erst transportiert werden muss.

Diesmal nimmt mich ein Hotelbesitzer mit, obwohl er es eilig hat, weil er zu spät zu einem Meeting kommt. Doch er scheint dieses Treffen selbst nicht allzu ernst zu nehmen, kommentiert es jedenfalls mit ironischen Bemerkungen. Es handele sich um eine vom local council organisierte Zusammenkunft, um die Weichen für die nächsten zwanzig Jahre zu stellen. In die Glaskugel zu schauen und die Zukunft vorherzusagen, gewissermaßen.

Kurz vor Ende der Straße steige ich aus und folge einem Wanderpfad durch die Hügel. Ein paar Erhebungen gibt es also doch auf Shetland. Schon der Weg selbst führt mich durch schönstes Torfgebiet und roten Granit, der für Muckle Roe typisch ist. Nach etwa einer Stunde erreiche ich die Hams, die mit ihren Einschnitten ins Land eine zerrissene Küstenlinie formen. Die intensive rote Farbe der Felsen beeindruckt mich ebenso wie der Gegensatz zwischen dem schroffen Gestein und den lieblichen Hügeln auf dessen Dach.

Die Shetländer haben, scheint es, viel Spaß dabei, ahnungslosen Touristen nichtssagende Steinhaufen als Wassermühlen zu verkaufen, jedenfalls habe ich mehrere enttäuschende Wanderungen zu solchen „Sehenswürdigkeiten“ hinter mir. Doch Hams Mill, so klein das Gebäude auch gewesen sein mag, bietet durch seine erhöhte Lage durchaus etwas fürs Auge, und die beiden Mühlsteine im Inneren der Ruine beweisen immerhin, dass das Gebäude wirklich ist, was es vorgibt zu sein.

Unerwartet kommt mir eine Schulklasse entgegen, die einen Ausflug unternimmt. Die Lehrerin erläutert mir ihre Marschroute, eine Abkürzung, die allerdings über den höchsten Gipfel der Umgebung führt. Ich folge ihren Anweisungen, was anstrengend ist, mir aber auch herrliche Ausblicke beschert und mich schon mittags wieder an die Brücke gelangen lässt, die Muckle Roe mit Shetland Mainland verbindet. Unerwartet heiß ist es geworden; das war nach dem Wetter der vergangenen Tage nicht zu erwarten gewesen, ich bin daher ohne Sonnenschutz unterwegs und hole mir prompt einen Sonnenbrand.

 Hams of Muckle Roe, Shetland

Weil es noch früh ist, trampe ich nach Eshaness (sprich: Ejschness), um einen Blick auf die Landschaft im Nordwesten Shetlands zu werfen, anschließend nach Sandness im Westen, wo – na, was wohl? – eine Wassermühle zu finden sein soll. Die backroads sind naturgemäß wenig befahren, so habe ich Mühe, eine Mitfahrmöglichkeit zu bekommen, doch schließlich erreiche ich mein Ziel. Was die Mühle betrifft – ich wäre nicht in der Lage zu beschwören, dass ich eine solche gefunden habe. Eigentlich müsste ich an der richtigen Stelle gewesen sein, zumal sich dort eine Hinweistafel befindet, aber gesehen habe ich außer Steinhaufen, die genauso gut auch die Überreste von Schuppen sein könnten, nichts. Andere Besucher beschreiben ähnlich frustrierende Erlebnisse.

Mittlerweile ist es 17:00 Uhr, und während ich Richtung Zivilisation zurückmarschiere, dämmert mir zum ersten Mal, dass ich mich mit meinem Drang, mehr sehen zu wollen und mehr und immer mehr, in eine Ecke manövriert habe. Öffentlicher Nahverkehr existiert in dieser entlegenen Gegend so gut wie nicht, und wenn, ist er auf die Bedürfnisse der Einheimischen ausgerichtet: morgens Richtung Zentrum, nachmittags in die Außengebiete, also den Wünschen eines Touristen entgegengesetzt. Mir kommt zu Bewusstsein, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass ein Dutzend-Seelen-Dorf wie Sandness um diese Zeit noch von jemandem verlassen wird, der mich mitnehmen könnte. Wenn überhaupt kommen die Menschen jetzt nach Hause. Das Dumme ist nur: Der letzte Bus aus Walls, dem etwa zehn Kilometer entfernten Hauptort dieses Teils von Shetland Mainland, fährt in einer knappen Stunde nach Lerwick. Das würde ich nicht mal im Dauerlauf schaffen, selbst wenn sich meine Füße nicht wie geraspelt anfühlen und bei jedem Schritt aufstöhnen würden.

Während ich weiterhumpele, muss ich an den Film Gattaca denken, der in einer genetisch kontrollierten Gesellschaft in naher Zukunft spielt. In einer Schlüsselszene schwimmt ein „normal“ gezeugter Mann mit seinem genetisch optimierten Bruder um die Wette und gewinnt. Als sein Bruder ihn fassungslos fragt, wie er das geschafft habe, antwortet er, er spare sich keinen Atem für den Rückweg auf. So ähnlich geht es mir auf Reisen. Wenn mich die Sehnsucht an einen bestimmten Ort zieht, denke ich nicht darüber nach, wie ich wieder ins hostel komme.

Doch der Himmel meint es gut mit mir; im letzten Augenblick taucht ein Auto mit einem Ehepaar auf, das in Walls noch ein paar Besorgungen machen will und mich mitnimmt, so dass ich glücklich den Bus nach Lerwick erreiche. Danke!

Hams of Muckle Roe, Shetland

weiter geht‘s mit Papa Stour

... und hier geht's zum erzählenden Bildband "Land aus Nebel und Licht. Auf der Suche nach dem schottischen Herzschlag"

 


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