Glückstränen

Papa Stour


Die Chancen stehen 3:1 gegen mich. Uhrzeit, Entfernung und Unwägbarkeit der Fährverbindung sind mächtige Gegner. Auf meiner Seite kann ich nur meine Hartnäckigkeit in die Waagschale werfen, manch einer würde auch Sturheit dazu sagen. Wenn ich mir etwas angucken möchte, kann mich nichts und niemand daran hindern, und die Insel Papa Stour möchte ich mir unbedingt angucken. Dabei war sie ursprünglich in meiner Reiseplanung gar nicht vorgesehen. Aber was ich während meines Aufenthaltes auf den Shetlandinseln darüber erfahren habe, ließ mich zu der Überzeugung gelangen, dass ich ohne einen Besuch der Insel das Wichtigste verpassen würde. Leider sieht es so aus, als würden sich sämtliche Umstände nach Kräften bemühen, mich daran zu hindern. Wie gesagt: Die Chancen stehen 3:1 gegen mich.

Erste Hürde ist das frühe Aufstehen. Um den Bus um 7:00 Uhr zu bekommen, muss ich spätestens 6:30 Uhr auf den Beinen sein, und ich habe keinen Wecker dabei. Im Zimmer meines hostels gibt es einen alten Mann, der furchtbar schnarcht und frühmorgens rücksichtslos die Gardinen aufreißt. Meine Leidensgenossen sind bereits in ein anderes Zimmer umgezogen. Ursprünglich wollte ich es ihnen gleich tun, doch jetzt kommt mir der Gedanke, dass der Schnarcher einen akzeptablen Wecker-Ersatz darstellt, so bleibe ich. Die Nacht ist eine Tortur, zu allem Überfluss scheint der alte Mann beschlossen zu haben, am anderen Morgen auszuschlafen, von Wecker-Effekt also keine Spur. Trotzdem bin ich bereits um 5:45 Uhr wach und mache mich auf die Strümpfe. Um diese Zeit sind die Straßen leer, ich habe Lerwick für mich allein. Nur ein einsamer Jogger ist unterwegs.

Gegen jede Wahrscheinlichkeit bekomme ich den Bus, der allerdings nicht nach West Burrafirth fährt, von wo aus die Fähre um 9:00 Uhr nach Papa Stour startet: die zweite Hürde, die es zu überwinden gilt. Ich lasse mich vom Fahrer an der Abzweigung, rund zehn Kilometer vom Ziel entfernt, absetzen und gehe zu Fuß weiter. In etwa fünfundsiebzig Minuten müsste die Strecke doch zu bewältigen sein, oder? Insgeheim hoffe ich natürlich auf ein Auto, das mich mitnimmt, doch die Straße ist wie ausgestorben. Ein Reisebus braust vorbei, das ist schon alles. Zudem regnet es unentwegt, stürmt dabei auch nicht schlecht. Je nasser ich werde, desto mehr sinkt meine Laune. Wäre ich doch lieber im hostel geblieben, denke ich. Dann hätte ich den Tag entspannt bei einer Kanne Tee verbringen können. Immerhin bekomme ich zwei Mitfahrgelegenheiten für jeweils einen Kilometer, so bin ich rechtzeitig am Anleger.

Wo Hürde Nummer drei droht, meine Anstrengungen zunichte zu machen: Die Fähre fährt nur dann ein zweites Mal am Tag, wenn man spätestens am Abend vorher bucht, was ich natürlich nicht tun konnte, weil ich ja nicht wusste, ob es mir gelingen würde, die ersten beiden Hürden zu nehmen. Doch wieder habe ich Glück, es befinden sich mehrere Reisegruppen am Anleger, die auch alle am selben Tag zurück wollen. Sieht aus, als trüge meine Hartnäckigkeit den Sieg davon.

Während der Überfahrt sehen einige ältere Damen immer wieder zu mir herüber und reden anscheinend über mich. Liegt es an meiner unpassenden Kleidung? Ich hasse Wanderstiefel, sie sperren meine Füße ein, sie scheuern die Haut auf, und man schwitzt darin entsetzlich, deshalb trage ich einfache Schuhe, die zudem schon reichlich lädiert aussehen. Auch habe ich, wie so oft, kein vernünftiges Regenzeug dabei, sondern bin wie in einer Parodie auf einfältige Touristen mit einem Schirm unterwegs. Eine der Damen entschließt sich, mich anzusprechen. Ich sei doch der Wanderer, den sie unterwegs mit dem Bus überholt hätten? Ob ich etwa den ganzen Weg zu Fuß gegangen sei? Sie hätten mich doch eigentlich mitnehmen können, ich solle für den Rückweg mal den Fahrer fragen ... Nett, einfach nett.

 Aisha Head, Papa Stour, Shetland

Sobald wir die Insel betreten, hört wie durch ein Wunder der Regen auf. Ich habe viel vor, deshalb ziehe ich mir meine im Rucksack mitgeführten Wanderstiefel an, und los geht’s. Zunächst zur Ostspitze der Insel, nicht weit vom Pier entfernt. Hier befinden sich, wie man schon von der Fähre aus sehen konnte, die imposanten Klippen von Breis Holm. Ausgeschildert ist auf Papa Stour praktisch nichts, bei einer Insel von, grob geschätzt, vier mal sechs Kilometern Länge gehen die Bewohner wohl davon aus, dass man früher oder später ohnehin über jede Sehenswürdigkeit stolpert. Zunächst gibt es noch einen erkennbaren Weg, irgendwann muss ich mich querfeldein schlagen. Aggressive Vögel, die ihre Nistplätze verteidigen, schreien, dass man schier taub wird, und gehen gelegentlich zum Sturzflug über, um mich zu vertreiben. Trotzdem erreiche ich schließlich Breis Holm mit seinen rauen Schluchten und den Felsen mit natürlich geformten Tunneln, wie von Riesenhand ins Meer geworfen. Die Farben, das Rot und Schwarz des Gesteins in Verbindung mit dem Grün von Gras und Moos, tun ein Übriges, um mich zum Verweilen zu bewegen.

Erst eine Stunde später breche ich wieder auf. Wo es zur Westseite der Insel geht, auf der noch aufregendere Klippen zu sehen sein sollen, erschließt sich mir nicht, einen erkennbaren Pfad kann ich jedenfalls nicht entdecken. Also marschiere ich quer über die Hügel, verfehlen kann ich das andere Ende wohl kaum.

Ich habe einen guten Teil meines Lebens in Schottland verbracht und weiß daher aus leidvoller Erfahrung, dass man nirgends querfeldein gehen kann, ohne auf bogs zu stoßen. Zu meiner Verblüffung ist der Untergrund jedoch weitgehend trocken. Ist das hier immer so? Oder die Folge einer Trockenperiode? Vielleicht liegt es auch am Wind. Egal, ich bin einfach froh, dass ich endlich einmal irgendwohin gelangen kann, ohne bis zum Schienbein im Sumpf zu stecken.

Die angepriesenen Wassermühlen sind, wie könnte es anders sein, enttäuschend. Recht hübsch zu fotografieren, weil sie an einem Bach hintereinander liegen, aber um zu erkennen, dass es sich um Mühlen und nicht bloß um die Ruinen aufgegebener Häuser handelt, muss man schon genau hingucken.

In der Ferne ist mittlerweile das Meer und somit die Westspitze der Insel in Sicht. Die sanften Hügel scheinen zwei hintereinanderliegende Öffnungen einzubetten, möglicherweise Wasserlöcher. Interessant. Ich gehe näher heran. Noch näher.

Kirstan Hol, Papa Stour, Shetland

Und plötzlich öffnen sich die vermeintlichen Wasserlöcher zu Steilklippen, die endlos tief abfallen, Felsbögen zum Meer hin bilden und somit die Hügel unterhöhlen. Kirstan Hol. Ich halte den Atem an. Einen solchen Anblick habe ich noch nie gesehen.

Kirstan Hol, Papa Stour, Shetland

Und das ist noch nicht alles. Als ich weitergehe, über die ausgehöhlten Hügel auf das Ende der Landmasse zu, klafft mit einem Mal ein fjordartiger Einschnitt auf, in dessen Mitte zwei keilförmige, moos- und grasbewachsene Felsen stehen, auf denen Hunderte von Vögeln nisten. Ich muss mich erst einmal setzen, um die Eindrücke zu verarbeiten.

Kirstan Hol, Papa Stour, Shetland

Immer noch gefangen von der Schönheit der Landschaft gehe ich nach einer Weile an der Küste weiter. Es dauert nicht lange, da befinde ich mich bei Aisha Head, ebenfalls ein Anblick, der man nicht wieder vergisst, weil sich hier gleich ein ganzes Ensemble aus Felsbögen, Felsnadeln und unterhöhlter Landzungen, die weit ins Meer hineinragen, versammelt hat, um miteinander zu wetteifern, wer einen stärker in den Bann schlagen kann.

Und dann stehe ich hoch oben auf einem Felsvorsprung, unter mir die hintereinandergestaffelten Felsen von Leera Skerry, gegen die sich die Wellen des aufgewühlten Meeres werfen, unweit davon eine Felsnadel, die Snolda genannt wird, dahinter nichts als das Meer. Ein Sturm rüttelt mich kräftig durch und bläst durch jede Zelle meines Körpers, um mich zu ermuntern, alles Alte abzuschütteln und neu geboren zu werden. Ich fühle mich wie der letzte Mensch auf Erden, umgeben von einer Schönheit, deren geballte und über Stunden angesammelte Fülle ich nicht länger halten kann, ich laufe über ... und mir steigen Tränen in die Augen vor lauter Glück.

 Leera Skerry, Papa Stour, Shetland

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... und hier geht's zum erzählenden Bildband "Land aus Nebel und Licht. Auf der Suche nach dem schottischen Herzschlag"

 


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