Venedig


 

Am Markusplatz, Blick auf S. Giorgio Maggiore

Wie jede Stadt hat auch Venedig eine Persönlichkeit. Prunksucht und derbe Sinnlichkeit, Lust am Morbiden und die Aura des Geheimnisvollen – all das ist Teil davon, beschreibt diese Stadt aber nur unzulänglich. Ihr wahres Ich liegt nicht in der Enge der Gassen, der Pracht der Fassaden oder dem allgegenwärtigen Wasser, sondern in den Zwischenräumen. In den Rissen der Fensterläden, den Mauerstellen, an denen der Putz abbröckelt, dem Grenzbereich zwischen der Dunkelheit der Gassen und den lichtdurchtränkten Campi, da, wo Zwielicht herrscht, das die Augen narrt und einem Dinge vorgaukelt, die weder Wahrheit noch Lüge sind, sondern Möglichkeit.

Gondelwerft, Dorsoduro

 

Calle Calergi vulgo Calesi, Cannaregio   Campiello del Lion Bianco, Cannaregio

Eine Gasse ist eine Gasse, überall auf der Welt, außer in Venedig. In Venedig ist sie eine Herausforderung, ein Geheimnis, ein Versprechen. Sie lockt, sie kokettiert, sie spielt mit der Erwartung des Ortsunkundigen. Sie zeigt sich mal prächtig und breit, mal unscheinbar und schmal, und bis zum letzten Schritt weiß man nicht, wohin sie einen führt. Prunkvolle Fassaden und großzügige Bauweise halten einen zum Besten und säumen doch nur einen Weg, der nach endlosen Windungen unwiderruflich an einer Mauer endet. Schmucklosigkeit und Enge gaukeln einem eine Sackgasse vor, doch gerade, wenn man denkt: Hier ist die Welt zu Ende, öffnet sich unerwartet ein Durchgang zur Rechten, und man stellt fest, dass die Gasse Teil einer pulsierenden Hauptverbindungsader der Stadt ist.

Türklopfer, Murano

 

Fondamenta Labia, Cannaregio (mein Lieblings-Bezirk)   Campo S. Nicolo dei Mendicoli, Dorsoduro

Zu sagen, Venedigs Gassen sind ein Labyrinth, ist ein Klischee und wie jedes Klischee von so einleuchtender Wahrheit, dass es das Wesentliche überdeckt. Wer sich in diesen Gassen verläuft, stößt dabei vielleicht auf einen versteckten Garten mit Efeu, Rosen, Glyzinien und vergisst, vom Duft der Sträucher überwältigt, dass er eigentlich zum Schuhmacher wollte. Wer eine falsche Abzweigung wählt und unerwartet einen Hort der Stille in Form eines menschenleeren Campo oder eines unscheinbaren Seitenkanals findet, wird keine Veranlassung sehen, unverzüglich zur Hektik der Hauptwege zurück zu eilen. Wer die Orientierung verliert, weil es zwischen den engen Häuserwänden unmöglich ist, eine Himmelsrichtung auszumachen, wird feststellen, dass er sich genau da befindet, wo er sein sollte. Die Täuschungen der Stadt sind eine beständige Aufforderung zur inneren Einkehr. In Venedig findet man sich, indem man sich verliert.

Burano

Mehr von und über Venedig gibt es in dem Fantasyroman Lagunenrauner.

Karneval in Venedig 2010


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