Der Kapp-Putsch


Freikorpssoldaten Unter Den Linden, Berlin

Vorgeschichte

Nach dem verlorenen 1. Weltkrieg muss die deutsche Regierung im Vertrag von Versailles akzeptieren, die Reichswehr einschließlich der Freiwilligenverbände bis zum 10. April 1920 auf 200.000 Mann und weiter bis zum Juli auf 10.000 Mann zu reduzieren. Dies bedeutet auch die Auflösung der Freikorps, darunter die „Baltikumer“, die in Lettland und Estland gegen die Bolschewiki gekämpft haben.

Führende Militärs wünschen, die Reduzierung der Armee zu verhindern. Insbesondere General Walther von Lüttwitz ist bereit, eher die Regierung zu stürzen, als tatenlos einer Auflösung „seiner“ Truppen zuzusehen. Die schlagkräftigste Mannschaft, auf die er sich dabei stützen kann, ist das Freikorps des Kapitäns Hermann Ehrhardt, die "Brigade Ehrhardt".

Am 10. März fordert Lüttwitz von Reichspräsident Ebert den Erhalt der Truppen, eine Auflösung der Nationalversammlung und Neuwahlen zum Reichstag. Selbstverständlich lehnt die Regierung ein solches Ultimatum ab.

Wolfgang Kapp

Samstag, 13. März 1920

Um 7 Uhr früh marschieren die Döberitzer Truppen in die Stadt und besetzen das Regierungsviertel. Die rechtmäßige Regierung entzieht sich einer Gefangennahme durch Flucht nach Dresden. Die Putschisten machen Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp zum Reichskanzler, dieser erklärt die Nationalversammlung für aufgelöst. Ein Versammlungsverbot wird erlassen, an das sich allerdings kaum jemand hält. Gegen Mittag schließen die ersten Betriebe. Der Generalstreik wird proklamiert.

Sonntag, 14. März 1920

Ein Erscheinungsverbot für alle Zeitungen wird verordnet. Straßenbahnen, Hochbahnen und Busse stellen ihren Betrieb ein, die Stadtbahn verkehrt nur noch stockend. In den Elektrizitätswerken erscheinen die Tagesschichten nicht mehr zum Dienst, dadurch wird auch das städtische Wasserwerk am Müggelsee, das die südlichen Teile Berlins mit Wasser versorgt, stillgelegt. Die Charlottenburger Gaswerke arbeiten noch. Abends liegen die Straßen im Dunkeln. Die rechtmäßige Regierung zieht von Dresden nach Stuttgart um.

Montag, 15. März 1920

Generalstreik. Der Verkehr ruht fast vollständig. Außer Milchzügen und zwei Kohletransporten fährt kein Bahnzug mehr. Bahnhöfe sind mit Stacheldrahtzäunen umgeben. Chaos, Planlosigkeit und Dilettantismus bestimmen die Arbeit der „neuen Regierung Kapp“. Das Zeitungsverbot wird aufgehoben, bleibt aber ohne praktische Auswirkung, weil die Zeitungsbetriebe streiken. Vor den Bäckerläden bilden sich Schlangen, die Brotvorräte sind bald ausverkauft. In vielen Bezirken versagen Wasser- und Gasversorgung. Der private Telefonverkehr wird teilweise gesperrt. Die „Technische Nothilfe“, die zum großen Teil aus deutschnationalen Schülern und Studenten besteht, nimmt ihre Arbeit auf. Es gibt erste Zusammenstöße und Schießereien zwischen Soldaten und Bevölkerung. Die Folge: Tote in Steglitz, am Halleschen Tor, an der Ecke Invaliden-/Brunnenstraße und an weiteren Orten. Verhaftungen werden vorgenommen. Abends wird die Wasserversorgung wieder in Gang gesetzt.

Dienstag, 16. März 1920

Der Streik verschärft sich. Der Verkehr kommt fast vollständig zum Stillstand. Wieder gibt es blutige Zusammenstöße. Die Elektrizitätsversorgung stockt, die Gasversorgung setzt ganz aus. Leitende Beamte weigern sich, einer unrechtmäßigen Regierung 10 Millionen Mark für den Sold der Truppe anzuweisen, daraufhin befiehlt Hauptmann Pabst, nach anderen Quellen General von Lüttwitz, die Auszahlung von der Reichsbank mit Waffengewalt zu erzwingen. Kapitän Ehrhardt weigert sich, den Befehl auszuführen, er sei schließlich kein Bankräuber.

Mittwoch, 17. März 1920

Die Absperrungen werden verschärft. Die „Regierung Kapp“ steht vor dem Zusammenbruch und gibt abends ihren Rücktritt bekannt, nicht jedoch General von Lüttwitz. Am Kottbusser Tor entbrennt ein heftiger Kampf, die Reichswehr setzt Minenwerfer ein. Nachts versuchen Kommunisten, sich der Kaserne in der Wrangelstraße zu bemächtigen.

Donnerstag, 18. März 1920

Im Laufe des Nachmittags beginnt der Abzug der Baltikumtruppen. Es kommt zu blutigen Zusammenstößen zwischen Putschisten und Zivilisten. Die Volksmassen halten jeden Soldaten für einen Baltikumer; gewalttätige Zwischenfälle sind vorprogrammiert. Entwaffnete Soldaten, denen freier Abzug zugesichert war, werden von einer aufgeputschten Menge getötet.

Freitag, 19. März 1920

Der Abzug der Baltikumtruppen setzt sich unter weiteren tödlichen Zusammenstößen zwischen Soldaten und Zivilisten fort. Der Eisenbahnverkehr wird teilweise wieder aufgenommen. Die Beamten erklären den Streik für beendet. Die Lebensmittelversorgung ist bedroht.

Samstag, 20. März 1920

Immer noch gibt es Tote bei Schießereien. Kommunisten stürmen das Strafgefängnis Tegel. Die Preise für Lebensmittel sind stark gestiegen; ein Ei kostet 3 Mark, ein Pfund Butter 45 – 60 Mark. Plakate der Gewerkschaften erklären den Generalstreik für beendet.

Sonntag, 21. März 1920

Das Regierungsviertel ist noch immer von Truppen belegt. Der Streik hat empfindliche Folgen für die Lebensmittelzufuhr, so ist z.B. wegen mangelnder Fütterung ein Teil des Viehbestands im Zentralviehhof eingegangen.

Montag, 22. März 1920

Wider Erwarten wird die Arbeit auch heute noch nicht wieder aufgenommen. Automobile und Droschken befördern Fahrgäste zu Phantasiepreisen. In Henningsdorf kommt es zu schweren Gefechten zwischen Soldaten und Kommunisten.

Dienstag, 23. März 1920

Allmählich kehrt in Berlin wieder Alltag ein. Die Geschäfte sind geöffnet. Allerdings streiken die Verkehrsbetriebe noch, mit Ausnahme der Omnibusangestellten. Nach wie vor gibt es fast keine Wasser-, Gas- und Elektrizitätsversorgung.

Verordnung der "Regierung Kapp"

Nachspiel

Der Kapp-Putsch (auch Kapp-Lüttwitz-Putsch genannt)  fordert Hunderte von Todesopfern. Kapp flieht nach Ostpreußen, später nach Schweden. Erst 1922 kehrt er nach Deutschland zurück und stellt sich, stirbt jedoch an den Folgen einer Augenoperation, bevor er zur Rechenschaft gezogen werden kann. Ehrhardt taucht in Bayern unter. Lüttwitz flieht nach Ungarn. Als er später nach Deutschland zurückkehrt, wird er nicht nur nicht angeklagt, sondern erhält rückwirkend vom Datum des Putsches an seine Pension ausbezahlt.

Quellen:

Lesetipp: Authentisch und spannend werden diese Ereignisse in dem Kriminalroman „Dunkle Tage“ (Sutton Verlag, Erfurt, 2006) beschrieben.

Walther Lüttwitz


 

Serie: Weimarer Republik / Zwanziger Jahre / 20er Jahre (3)

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